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Studie: Psychiatrie und Recovery – Ein sich ergänzendes Paar?

Die von Helen Speyer und anderen erstellte Studie wurde von Lancet Psychiatry im Oktober 2025 veröffentlicht.
Das Recovery College Zürich veröffentlichte auf Linkedin eine zusammenfassende Übersetzung. Hier eine mit Zwischentiteln ergänzte Fassung.

Recovery und Psychiatrie

In der traditionellen Psychiatrie werden Diagnosen gestellt, Medikamente verschrieben und Symptome gelindert. So funktioniert das medizinische Modell. Seit Jahrzehnten existiert daneben eine andere Bewegung: Recovery. Sie entstand  aus dem Widerstand von Betroffenen. Ihre Botschaft ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen ein Recht auf Selbstbestimmung, Teilhabe und Würde haben. Auf den ersten Blick prallen hier zwei Welten aufeinander: ärztliche Fürsorge auf der einen und persönliche Freiheit auf der anderen Seite.

Was bedeutet Recovery?

Für manche bedeutet es, dass die Symptome verschwinden. Andere verstehen darunter, dass man wieder im Alltag funktioniert. Wieder andere meinen, dass es darum geht, einen eigenen Weg zu finden und ein gutes Leben zu führen – auch mit Einschränkungen. Diese Vielfalt ist Stärke und Schwäche: Der Begriff bleibt unscharf und viele Einrichtungen schmücken sich damit, ohne ihre Haltung zu verändern.

Psychiatrie und Recovery im Konflikt und die Machtfrage

Genau hier wird der Konflikt deutlich. Die Psychiatrie folgt dem Prinzip «Schützen und nicht schaden». Recovery hingegen fordert: Menschen sollen selbst entscheiden können, wie sie ihre Krise verstehen und welche Unterstützung sie möchten. Das kann bedeuten, dass nicht die medizinische Diagnose, sondern die Erfahrung von Trauma, ein spirituelles Erleben oder soziale Probleme wie Armut im Mittelpunkt stehen. Doch was passiert, wenn jemand eine Behandlung ablehnt, die Fachleute für notwendig halten? Wie viel Risiko darf man zulassen?

Im Kern geht es um Macht. In der Medizin gelten Studien, Daten und Statistiken als höchste Form des Wissens. Die Recovery-Bewegung sagt dagegen: Das Erfahrungswissen von Betroffenen und Angehörigen ist genauso wichtig. Nur wenn beide Formen des Wissens ernst genommen werden, entsteht ein vollständiges Bild.

Vorschläge für eine um Recovery erweiterte Psychiatrie

Die Autor:innen des Artikels schlagen vor, Recovery auf mehreren Ebenen zu verankern. In der Begegnung zwischen Ärzt:innen, Therapeut:innen und Patient:innen soll die Sichtweise der Betroffenen respektiert werden. Institutionen sollten offener werden, indem sie Menschen mit eigener Erfahrung in ihre Teams einbinden. Auf gesellschaftlicher Ebene reicht es nicht, nur über Medikamente und Therapien zu sprechen. Themen wie Wohnen, Arbeit, Armut oder Diskriminierung müssen ebenfalls auf den Tisch kommen.

Eine recovery-orientierte Psychiatrie ist kein Widerspruch, sondern eine grosse Chance. Sie erfordert, dass Fachleute ihre Gewissheiten hinterfragen und bereit sind, andere Perspektiven gelten zu lassen. Dann geht es nicht nur um die Verringerung von Symptomen, sondern darum, Menschen ein selbstbestimmtes und sinnvolles Leben zu ermöglichen. Die Psychiatrie wird so nicht nur zur Medizin, sondern ist Teil einer grösseren gesellschaftlichen und politischen Aufgabe.

Recovery Colleges

Recovery ist lernbar,  wenn sich Betroffene, Angehörige und Fachleute auf Augenhöhe begegnen und austauschen.

In der Ostschweiz gibt es zwei Recovery Colleges

  • Recovery College Ostschweiz
  • Recovery College Psychiatrie St. Gallen

Beide haben ihr Halbjahresprogramm (RCO Psychiatrie St. Gallen) bzw. ihr Jahresprogramm (RCO Ostschweiz) veröffentlicht.

Einen Blick in die beiden Programme zu werfen, lohnt sich. Die Themen sind vielfältig und breit. Das mag einem die Entscheidung schwer machen. Leicht hingegen machen es einem die kostengünstigen Preise. Für Geringverdienende gibt es in der Regel grosszügige Vergünstigungen.

 

Recovery College Ostschweiz

Programm

Recovery College Psychiatrie St. Gallen

Programm