„Viele halten Menschen aus der Psychiatrie noch immer für Verrückte“
«Die Zeit» hat mit Norman Sartorius ein erhellendes Interview geführt, das u. a. Einblicke in die Psychiatrie-Geschichte der letzten 60 Jahre gewährt. Dabei lobt er nicht nur die Errungenschaften der heutigen Psychiatrie. Er benennt auch offen deren Schwächen und Mängel und weist als Ausweg daraus auf die leider fast vergessenen Errungenschaften der Sozialpsychiatrie hin. So sagt er, psychisch Kranke finden nach einem Klinikaufenthalt besser wieder ins Leben zurück, wenn man ihr Umfeld gut vorbereitet.
Aussagen aus dem Interview, die uns Angehörigen aufzeigen, was eine menschlichere Psychiatrie ausmacht
«Man verstand immer besser, dass Behandlungserfolge sehr viel wahrscheinlicher sind, wenn man Patienten mit Würde gegenübertritt, ihnen zuhört und gemeinsam einen Weg zur Besserung sucht und findet.“
«In den 50iger Jahren hatte z. B. ein Klinik-Psychiater in Zagreb für jeden einzelnen Patienten einen Behandlungsplan ausgearbeitet, wenn möglich unter Einbeziehung der Familie. Und er war für die Kranken, die Pfleger und die Familien immer erreichbar. Viele der Patienten verließen die Klinik – vielleicht nicht geheilt, aber wieder lebensfähig.»
«Wenn Menschen sich während der Therapie eingebunden und gebraucht fühlen, sich darüber hinaus selbstwirksam erleben, dann hilft ihnen das, um gesund zu werden. Ob das gelingt, hängt stark von ihrem Umfeld ab. Von Familie, Freunden, Nachbarschaft, der Umgebung bei der Arbeit.»
«Fortschritt hängt nicht nur von wissenschaftlichen Erkenntnissen ab, sondern auch davon, wie man das Wissen anwendet, und letztlich auch davon, wie viel Geld man investiert. Die Situation ist besser geworden, aber es muss noch vieles getan werden.»
«Die Psychiatrie erfüllt ihren Auftrag hauptsächlich dann nicht, wenn die Patienten aus der Klinik entlassen werden. Vielen geht es zwar besser, aber ganz gesund sind sie meistens noch nicht. Wie es dann mit ihnen weitergeht, hängt stark von der Umgebung ab, in die man sie entlässt.»
Auf die Frage, ob die Psychiatrie heute in der und in Deutschland in der Lage ist, mit psychisch erkrankten Menschen so zu umzugehen, wie es nötig wäre, antwortete Sartorius u. a. mit: «Vielen geht es zwar besser, aber ganz gesund sind sie meistens noch nicht. Wie es dann mit ihnen weitergeht, hängt stark von der Umgebung ab, in die man sie entlässt»
«Viele halten Menschen, die aus der Psychiatrie kommen, noch immer für Verrückte. Sie schließen sie aus. Das hat Folgen: Was man in der Therapie erreicht hat, kann sich innerhalb kürzester Zeit verflüchtigen, wenn jemand in ein unvorbereitetes Umfeld zurückkehrt. Besonders gilt das natürlich für die Familie. Rückfälle werden dann wahrscheinlicher.»
«Man sollte nicht nur die Betroffenen auf den Austritt vorbereiten, sondern auch ihre Angehörigen. Das gehört für mich genauso zur Behandlung wie die Therapie in der Klinik. Die Krankenkassen sollten deshalb genauso dafür aufkommen.»
«Familien zu stärken, durch entlastende Gespräche, mit nützlichem Fachwissen oder ganz pragmatisch mit Sozialarbeitern, die regelmäßig vorbeischauen, verbessert die Lage für alle Die Angehörigen fühlen sich weniger hilflos und die Patienten weniger überlastet. Sie haben eine bessere Lebensqualität, mildere Symptome, niedrigere Rückfallraten . Schon vor 60 Jahren war ich für die WHO an einer Studie beteiligt, die gezeigt hat, wie wichtig das Umfeld für die Rückkehr in den Alltag ist, weltweit.»
Die 10 wichtigsten Aussagen des Interviews mit Norman Sartorius – von ChatGPT nüchtern zusammengefasst
- Psychiatrie hat sich stark verbessert – aber noch nicht genug. Seit den 1960er-Jahren haben sich Behandlungsmethoden, Menschenbild und Klinikstrukturen deutlich weiterentwickelt. Dennoch bestehen gravierende Defizite.
- Würde und Respekt sind zentrale therapeutische Faktoren.Patienten profitieren nicht nur von Medikamenten, sondern vor allem davon, ernst genommen zu werden, Zeit zu erhalten und aktiv in ihre Behandlung einbezogen zu sein.
- Selbststigmatisierung verschlechtert den Krankheitsverlauf. Wer gesellschaftliche Vorurteile übernimmt und sich selbst als hoffnungslosen Fall sieht, entwickelt häufiger stärkere Symptome und hat schlechtere Heilungschancen.
- Psychische Erkrankungen haben mehrere Ursachen.Sie entstehen durch das Zusammenwirken genetischer Veranlagung, persönlicher Lebenserfahrungen und sozialer Umweltfaktoren. Eine rein biologische Sichtweise greift zu kurz.
- Die Zeit nach dem Klinikaufenthalt entscheidet oft über den Therapieerfolg. Viele Rückfälle entstehen nicht während der Behandlung, sondern nach der Entlassung in ein unvorbereitetes oder ablehnendes Umfeld.
- Angehörige müssen stärker unterstützt werden. Familien sind ein wesentlicher Teil der Behandlung. Sie benötigen Informationen, Beratung und Entlastung, damit sie Betroffene wirksam unterstützen können. Diese Leistungen sollten von den Krankenkassen finanziert werden.
- Ein unterstützendes soziales Umfeld verbessert die Prognose erheblich. Studien zeigen, dass Patienten mit familiärer und sozialer Unterstützung weniger Rückfälle erleiden, mildere Symptome entwickeln und eine höhere Lebensqualität erreichen.
- Internationale Forschung bestätigt die Bedeutung der Familie. WHO-Studien zeigten, dass Menschen mit Schizophrenie in Ländern wie Indien oder Kolumbien oft bessere Langzeitverläufe hatten als in westlichen Industrieländern – vor allem wegen der stärkeren familiären Einbindung.
- Stigmatisierung besteht weiterhin. Trotz größerer Offenheit gegenüber psychischen Erkrankungen halten sich Vorurteile hartnäckig. Besonders Menschen mit Schizophrenie werden häufig ausgegrenzt und als gefährlich wahrgenommen.
- Aufklärung allein reicht nicht aus. Wissen über psychische Erkrankungen verändert Einstellungen nur begrenzt. Vorurteile entstehen oft bereits in der Kindheit und bleiben bestehen. Deshalb braucht es langfristige gesellschaftliche Veränderungen und persönliche Begegnungen, um Stigmatisierung abzubauen.