Die Schweiz auf der Couch – es herrscht keine Unter-, aber eine Falschversorgung
Der Befund der NZZ am Sonntag ist für Angehörige von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen alarmierend: «Patienten mit schweren Erkrankungen wie Schizophrenie oder Psychosen hat sie weniger in ihrer Praxis. Diese Fälle, sagt sie, seien ambulant oft schwierig zu behandeln, weil es dafür in der Regel ein ganzes Netz aus Sozialarbeiterinnen, Pflegern und Ärztinnen brauche. Dieses Netz ist in der Schweiz zu wenig dicht geknüpft. Die Psychiatrieverbände fordern schon lange, dass die Schnittstellen zwischen Klinik und ambulanter ärztlicher Versorgung sowie sozialer Betreuung verbessert werden müssen. Plus eine deutliche Anhebung der Tarife. Denn der Fachkräftemangel ist vorab ausserhalb der Grossstädte eklatant.»
(…) «Von einer Unterversorgung will Weihs, Präsident der Bernischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, aber nicht sprechen. Vielmehr ist er der Meinung, dass es in der Schweiz eine Fehlversorgung gibt: «Mir scheint, dass wir Patientengruppen mit leichten Depressionen, Angst- und Befindlichkeitsstörungen überversorgen und dass Patienten mit Erkrankungen wie Schizophrenie, Psychosen oder Suchterkrankungen, die schwieriger zu behandeln sind, eher unterversorgt werden.» Es sei zwar nicht immer einfach, Charakterzüge von Störungen abzugrenzen. Aber die Schweiz müsse aufpassen, dass sie Ambulatorien nicht mit Patienten für unnötige «Modeabklärungen» wie ADHS, Autismusspektrumsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen verstopfe und dann keine Kapazitäten mehr habe für schwer erkrankte Menschen.»
(….) «Dass die Schweiz in der psychischen Gesundheitsversorgung so gut wie keine Steuerung kennt, hat schon das private Forschungsinstitut Bass festgehalten, das 2017 im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) die gegenwärtige Versorgungslage mit derjenigen Deutschlands, Englands und der Niederlande verglichen hat. Weil die Kantone bis anhin 50 Prozent der Kosten des stationären Teils tragen, gibt es etwa in der Schweiz viel mehr Betten in Kliniken, aber weniger mobile Dienste und Tagesplätze. In andern Ländern sorgt zudem ein Zuweisungssystem dafür, dass leichte Fälle nicht an Ärzte überwiesen, sondern von geschulten Sozialarbeitern und Pflegefachpersonen betreut werden. Hierzulande hingegen sind Psychiater – und seit Juli 2022 auch Psychologen – Grundversorger. Sie wählen, wo sie sich niederlassen und welche Patientinnen und Patienten sie behandeln. Das Angebot steuert die Nachfrage.»