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Esther Iseli, angehörige Mutter

«Durch mehr Wissen wurde unsere ursprüngliche Ohnmacht stetig kleiner»

Rückblickend gab es schon früh Anzeichen dafür, dass ihre 21-jährige Tochter Schwierigkeiten mit Veränderungen hatte. In der Folge entwickelten sich daraus regelrechte Panikattacken. Im Interview erzählt Esther, wie sie gemeinsam einen Weg gefunden haben, mit diesen Situationen umzugehen.
Maske

Welche psychischen Probleme hat eure Tochter?

Es gibt keine schriftliche Diagnose in diesem Sinne. Sie leidet aber offensichtlich an einer Angst- und Panikstörung.

Wann habt ihr diese Störung erstmals wahrgenommen?

Rückblickend gab es schon sehr früh erste Anzeichen. So wollte sie schon als ganz kleines Kind nicht in die Spielgruppe. Sie hatte danach auch Mühe, in den Kindergarten zu gehen. Und danach kam der Übergang in die Schule. Der war erst recht schwierig für sie. Ich glaube, sie war in den neun Jahren Grundschule vielleicht zweimal auf einer Schulreise. Alles Ungewisse, was sie nicht kennt oder sich nicht vorstellen kann, macht ihr Angst.

Wie hat sich das gezeigt? Wurde sie vor solchen Schulreisen einfach krank?

Genau. Anfangs meinten wir noch, dass sie einfach wieder krank geworden sei. Doch mit der Zeit erkannten wir das Muster. Bei solchen für sie ungewissen Ereignissen überreagiert ihr vegetatives Nervensystem. Mit der Zeit entwickelte sie regelrechte Panikattacken. Ganz klassisch also, wie aus dem Lehrbuch.

Wie habt ihr darauf reagiert?

Das war ein langer Lernprozess. Wenn ein stark zitterndes Kind vor dir steht, das sich nicht mehr beruhigen lässt, dann bist du am Anfang schon sehr hilflos. Dann beginnst du dich verstärkt mit dem Thema auseinanderzusetzen und mehr Wissen anzueignen.

« Mittlerweile kann sie eine Panikattacke auch mal alleine durchstehen. Früher war ich aber
ganz klar der Anker, der ihr Bodenhaftung gab. »

Professionelle psychologische Hilfe habt ihr nicht gesucht?

Anfangs waren wir bei verschiedenen Psychologinnen und Psychologen. Aber diese klassischen Gesprächstherapien waren für uns nie das Gelbe vom Ei. Wir fanden andere Wege, damit umzugehen.

Und die wären?

In den mittlerweile fast 20 Jahren habe ich gelernt, dass man keine Angst vor Panikattacken haben muss, dass sie vorbeigehen. Angst vor der Angst zu haben, macht es nur schlimmer. Man muss es zulassen können. In der Regel dauern diese Anfälle nur wenige Minuten, sie gehen vorüber. Aber bis zu dieser Erkenntnis ist es ein langer Weg. Das sagt sich jetzt so leicht. In gewisser Weise bin ich wohl die Therapeutin meiner Tochter. Wenn sie eine Panikattacke hat, ruft sie mich an. Dann atmen wir sie gemeinsam weg und lassen sie vorübergehen.

Dann habt ihr also sogenannte Skills entwickelt, um auf solche Attacken reagieren zu können?

Dafür hatten wir am Anfang schon professionelle Unterstützung von einer Psychologin in Luzern erhalten. Sie hat meiner Tochter diese Skills beigebracht. Aber heute unterstütze ich unsere Tochter beim Anwenden. Mittlerweile kann sie eine Panikattacke auch mal alleine durchstehen. Früher war ich aber ganz klar der Anker, der ihr Bodenhaftung gab.
So habe ich zusammen mit ihr schon mal eine Panikattacke auf dem Weg zum Creux du Van durchlaufen. Das war auf einer Schulreise, von der sie mich dann anrief, als es losging.

Wie war es für sie sonst in der Schule?

Linda war sehr auffällig in der Schule, weil sie immer Angst vor Dingen hatte. Sie hatte auch nur eine wirklich gute Freundin. Für sie war es sehr schwierig, soziale Kontakte zu knüpfen, wobei das noch immer so ist. Allenfalls könnte bei ihr Soziophobie auch ein Thema sein. Unter vielen Leuten fühlt sie sich jedenfalls nicht wohl. Im Schulzimmer war es für sie immer viel zu laut und es hatte viel zu viele Leute.

Und was hat sie nach der Schule gemacht?

Sie hat im vergangenen Sommer erfolgreich eine Lehre zur Hochbauzeichnerin abgeschlossen und erst vor Kurzem eine neue Stelle bei einem anderen Arbeitgeber angetreten. Das war wieder ein schwieriger Übergang. Aber ich bin froh, dass sie das gemeistert hat und dort gut angekommen ist.

« Ihre Chefs schätzen ihre ruhige Art sehr. Jede Medaille hat eine Vor- und Rückseite. Nicht alle müssen laut und gesellig sein. »

Weiss der neue Arbeitgeber von ihren Ängsten vor Veränderungen?

Das war bei uns zu Hause ein Riesenthema. Da, wo sie die Lehre gemacht hat, wusste das Team Bescheid. Das konnte man über die fünf Jahre nicht verbergen. Mit der neuen Stelle wollte sie diesen Stempel loswerden. Das kann ich gut verstehen. Aber dann kam nach nur drei Monaten die Einladung zu einem dreitägigen Betriebsausflug. Es war nicht möglich für sie, daran teilzunehmen. Die grosse Gruppe, sowie das ungewisse der unbekannten Stadt, setzten sie zu fest unter Druck. Natürlich hätte sie sich kurz vorher wegen einer plötzlichen Erkrankung abmelden können, aber das hätte das Problem nur aufgeschoben und wahrscheinlich verschlimmert. Es war ein harter Prozess, ihr klarzumachen, dass sie lernen muss, mit diesem Teil von sich zu leben. Aber schliesslich hat sie mit ihrem Vorgesetzten und dem Team über ihre Probleme gesprochen. Das kam zum Glück sehr gut an. Sie hat gelernt, dass es einfacher ist, offen über Schwierigkeiten zu sprechen. Etwas zu erfinden, lässt viel Raum für Spekulationen.

Ich nehme an, diese Probleme schränken eure Tochter auch nicht bei der eigentlichen Arbeit ein.

Im Gegenteil, ihre Chefs schätzen ihre ruhige Art sehr. Jede Medaille hat eine Vor- und Rückseite. Nicht alle müssen laut und gesellig sein.

Abgesehen von diesen Skills, die du vorhin beschrieben hast, was habt ihr auf eurem Weg sonst noch unternommen?

Wir haben vor allem viele Bücher gelesen, teilweise zusammen oder unabhängig voneinander. Es gibt viel Literatur oder Podcasts zu diesem Thema. Dieses Grundwissen kann man sich auch ohne psychologische Unterstützung aneignen. Für unsere Tochter waren die Sitzungen mit Psychologinnen auch immer schwierig, weil sie dort so viel reden musste. Es entwickelte sich dadurch auch nie eine gute Verbindung zu einer Therapeutin. Für diese war es zudem immer wichtig, nach den Ursachen zu forschen. Und das interessierte uns nicht. Nur Hypnose hat sie relativ lange gemacht. Das hat ihr auch sehr geholfen.

Wenn ich dir so zuhöre, habe ich den Eindruck, dass ihr euch relativ gut selbst helfen konntet. Hättest du dir trotzdem von einer Stelle zusätzliche Unterstützung gewünscht?

Heute mag das ganz einfach klingen. Als es damit anfing, war es alles andere als einfach. Ich hatte aber das Glück, dass ich damals wie heute bei meinem Arbeitgeber bei psychologisch ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen Rat holen konnte. Das war sehr hilfreich.

Habt ihr noch weitere Kinder neben eurer Tochter?

Wir haben noch einen Sohn, der zwei Jahre jünger ist als die Tochter. Er ist ein komplett anderer Typ. Er liebt es, mit Menschen in Kontakt zu treten und ist gerne in Gesellschaft.

Und wie waren für ihn die Probleme der Schwester?

Obwohl er jünger ist als sie, wurde er bald zu einer Art «Sprachrohr» für sie. So bestellte er am Kiosk im Schwimmbad für sie beide. Sie hatte das Geld, er die Sprache. Vielleicht hat er dadurch gelernt, so offen auf Menschen zuzugehen.

Gibt es noch etwas, das du anderen Eltern in einer vergleichbaren Situation empfehlen würdest?

Offenheit hat uns am meisten geholfen. Dass man offen damit umgeht und kein Geheimnis daraus macht. Zudem die Erkenntnis, dass man sich mit der Zeit das Wissen aneignen kann, um sich selbst in dieser Situation zu helfen. Dadurch wurde unsere ursprüngliche Ohnmacht stetig kleiner. Je mehr man über das Krankheitsbild weiss, desto einfacher wird der Umgang damit. Wobei ich immer etwas Mühe habe, in diesem Zusammenhang von Krankheit zu sprechen. Es ist einfach eine spezielle Situation.

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