Als Kind wurde Marco Baur plötzlich aus seinem Alltag gerissen – ohne Erklärung. Erst viele Jahre später verstand er, was damals im Verborgenen passiert war. Heute ist er angehöriger Sohn und angehöriger Vater. Seine Geschichte zeigt, wie sehr Schweigen krank machen kann – und wie ein offener Umgang mit psychischen Erkrankungen Leben verändert.
Eine Erinnerung aus meiner Kindheit, welche ich immer noch in mir herumtrage, hat mit dem Kindergarten zu tun. An einem Tag wurde ich direkt nach dem Kindergarten von meinem Vater zu meiner «Tante» gefahren, wo ich die kommende Zeit verbringen sollte (Ich glaube, es waren etwa drei Wochen). «Ich habe doch Kindergarten!» «Wieso muss ich jetzt hierbleiben?» «Was ist mit meiner Mutter?» «Wo ist meine Schwester?» «Weshalb ist mein Vater nicht auf der Arbeit?» Alles Fragen, die ich auch heute noch in Erinnerung habe und mich verwirrt begleiteten.
Meine weitere Kindheit und Jugend verliefen für mich, ohne dass ich mir meiner Situation bewusst war, da meine Mutter auch immer «funktionierte» und für uns Kinder die perfekte Mutter und Hausfrau mimte – zumindest in den eigenen vier Wänden, da unsere Mutter die Wohnung nicht oft verlies. Für mich war es der Alltag und es war mir auch nicht klar, dass in anderen Familien eine andere Struktur herrschen könnte. Erst gegen Ende der Schulzeit begann ich zu verstehen, dass etwas nicht der «Norm» zu sein schien, aber in unserer Familie war wohl das oberste Gebot, dass jegliche Schatten des Lebens auch im Dunkeln bleiben und niemals das Licht der Sonne erblicken sollten. So gibt es auch heute noch viele offene Fragen, auf die ich wohl niemals eine Antwort bekommen werde (z. B. das Geheimnis meiner Geburt).
« In unserer Familie war das oberste Gebot, dass jegliche Schatten des Lebens im Dunkeln bleiben und niemals das Licht der Sonne erblicken sollten. »
Und jetzt bin ich hier, denke an meinen Sohn, der mit seinen 23 Jahren in einer stationären therapeutischen Massnahme weilt, und hoffe, dass sein Leben wieder so weit hergestellt werden kann, dass seine Lebensfreude und Zufriedenheit Überhand gewinnen.
Schon immer war mein Sohn etwas «speziell» und als ich mir einmal erlaubte, da war er noch kaum eingeschult, vor meiner Frau den Verdacht zu äussern, dass das Spezielle bei unserem Sohn vielleicht doch etwas zu speziell sein könnte, war ein ausgewachsener Ehestreit vom Zaun gebrochen. Zuerst tat man es als Rubikon (Vorpubertät) ab, dann war es die Schulsituation (Mobbing), dann die Pubertät, bis schlussendlich eine Abklärung unausweichlich im Raum stand.
So begann um sein 17. Lebensjahr seine Krankheitsgeschichte, welche durch einen ausgeprägten Fitnesswahn mit genauestens kalkulierten Nahrungsaufnahmen und Zuführung verbotener Zusatzstoffe (anaboler Steroide und Wachstumshormone) geprägt war. Zusätzlich kam auch noch Drogenkonsum hinzu, welcher weitere Symptome und Handlungsweisen hervorbrachte. Klinikaufenthalt, Diagnose paranoide Schizophrenie, Lehrabbruch, weitere Klinikaufenthalte, betreutes Wohnen, Klinikaufenthalt, eigene Wohnung, Klinikaufenthalte usw., prägten den weiteren Verlauf seiner Krankheit und waren neben unserem Sohn auch für uns Eltern eine enorme Belastung, welche uns sehr nahe an einen Zusammenbruch brachte.
« Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass ein offener Umgang mit psychischen Krankheiten der eigenen Gesundheit dienlich ist, und auch bei den Betroffenen die Einsicht- und Genesungschancen erhöhen. »
Erschwerend kam noch hinzu, dass Kliniken, Behörden und Fachpersonen, oft unsere Sicht als Eltern nicht zur Kenntnis nahmen, oder unsere Beobachtungen schlichtweg ignorierten (obwohl sich diese dann als korrekt erwiesen) und indirekt die Krankheit forcierten, indem sie eine gestellte Diagnose (während drei Monaten) innerhalb von 20 Minuten als haltlos abtaten. Zusätzlich kam noch hinzu, dass unser Sohn während dieser Phase seine Volljährigkeit erreichte und ohne Schweigepflichtsentbindung keine Informationen mehr flossen.
Aber seit der stationären therapeutischen Massnahme hat sich dies grundlegend verändert! Endlich werden wir als Eltern gehört, ernst genommen und sogar um die eigene Sichtweise erfragt, so dass man mit gutem Gewissen sagen kann, dass alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Sicherlich spielt dabei auch eine Rolle, dass wir als Eltern alle 14 Tage unseren Sohn besuchen gehen und bei allfälligen Fragen und Hintergrundinformationen jederzeit Hand bieten, um den Genesungsprozess unseres Sohnes aktiv zu unterstützen.
Und immer noch bin ich hier, denke zurück, überfliege meine Rolle als Sohn und diejenige als Vater und komme zu dem Schluss, dass sich dadurch mein Leben ebenfalls sehr stark verändert hat.
Ich bin davon überzeugt, dass die Krankheit meines Sohnes unserem Verhältnis nicht geschadet, sondern dieses intensiviert hat.
Ich habe gelernt, auf meine Ressourcen achtzugeben, und nehme mir das Recht heraus, auch einmal etwas Gutes für mich zu tun (ansonsten reagiert mein Körper auf eindrückliche Weise).
Ich weiss, dass in einer Ehe (Beziehung) offene Gespräche über Gefühle und Ängste nicht schaden, sondern festigen und stärken.
Ich schätze wieder vermehrt die kleinen Dinge des Lebens und kann mich an Alltäglichem erfreuen.
Ich habe erkannt, wofür es sich lohnt seine Energie und seine Kraft einzusetzen (Stand by You).
Sie sind nicht allein
Sind auch Sie Angehörige:r oder Vertraute:r einer psychisch erkrankten Person? Wir sind für Sie da. Ob in täglichen Herausforderungen oder in Situationen der Hoffnungslosigkeit versuchen wir, Orientierung zu geben und gemeinsam Wege zu finden. Kontaktieren Sie uns.