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Thomas Wirth und Kathrin Wyttenbach-Wirth, angehörige Kinder

«Das Leben unserer Mutter war ein ständiges Auf und Ab»

Die Lebens- und Leidensgeschichte unserer Mutter hat uns nachhaltig geprägt. Dass wir nicht daran zerbrochen sind, ist ein grosses Glück. Nicht zuletzt hat uns die Beziehung zueinander getragen.
Maske

Mein Bruder war 7, ich 11 Jahre alt, als unsere Mutter den ersten manischen Schub hatte.

Thomas: Ich erinnere mich gut daran, wie meine Mutter zum ersten Mal mit dem Krankenwagen in die Psychiatrie gebracht wurde. Ich durfte sie besuchen. Sie sass vollgepumpt mit Medikamenten bocksteif auf einem Stuhl. Es war schlimm für uns alle, sie tat mir unendlich leid.

Kathrin: Die Situation machte mir grosse Angst, was war mit meiner geliebten Mutter los? Die Veränderung in ihrem Verhalten hat mich komplett überfordert. Ich reagierte mit Rückzug. An diesen ersten Besuch in der Klinik kann ich mich nicht mehr erinnern.

Manie, Depression, gesunde Intervalle

Ungefähr ein Jahr später hatte unsere Mutter den zweiten manischen Schub. Dieser war so schlimm, dass nichts mehr ging. Der Haushalt wurde nicht mehr erledigt, es wurde kein Essen mehr zubereitet, Dinge wurden zerstört. Wir Kinder waren uns selbst überlassen. Unsere Mutter war nicht mehr lustig, aussergewöhnlich und kreativ. Es war nicht zu übersehen, dass sie schwer krank war.

Seit jenem Zeitpunkt wechselten sich manische, depressive und auch gesunde Phasen in regelmässigen Abständen ab. Unsere Mutter wurde durch die Behandlungsmethoden der frühen 80er Jahre stark traumatisiert, sie hat sich davon zeitlebens nicht mehr erholt.

Wie ging unser Vater mit der Situation um? Die Krankheit seiner Frau hat ihn aus der Bahn geworfen, er flüchtete in seine Arbeit. Damals war die klassische Rollenverteilung Ernährer/Hausfrau nicht unüblich.

Thomas: Damals 8- jährig, habe ich den Hausarzt angerufen und überzeugt, dass eine Einweisung in die Klinik unumgänglich sei. Ich verstand, dass meine Mutter nicht bösartig war und erklärte mir das mit Dämonen, die sie in ihren Besitz nahmen. In solch schlimmen Momenten war eine vernünftige Diskussion mit ihr unmöglich. Es war ein immer wiederkehrender harter Kampf, sie von einer Behandlung in einer Klinik zu überzeugen. Das «Mutterhändling», wie ich es heute nenne, wurde zu meinem Job. Insgesamt habe ich meine Mutter sechsmal in die Psychiatrie eingewiesen.

Unser Vater hat seine Frau nie verurteilt, hat immer betont sie sei krank, sie könne nichts dafür. Für mich war diese Aussage wichtig, sie entlastete mich. Ich konnte die Person und Krankheit voneinander trennen.

Kathrin: Ich verstand die Welt nicht mehr. Meine Mutter lehnte mich ab und verletzte mich, zwar nicht körperlich, aber seelisch. Mit der Aussage die Mutter sei krank, konnte ich nichts anfangen. Das Leiden machte mich stumm.

« Ein grosser Teil unserer Kindheit und Jugend war mit Leid und Entbehrung behaftet. Trotzdem können wir auch Positives abgewinnen. »

Gestohlene Kindheit – und eine besondere Art von Stärke

Thomas: Die Herausforderungen haben mich auf einen Weg gebracht, den ich sonst nicht gewählt hätte. Ich habe eine besondere Art der Reflexion gelernt, die es mir ermöglicht, Situationen aus der Vogelperspektive zu betrachten. Diese Gabe betrachte ich als meine Stärke. Selbst in den turbulentesten Zeiten, wenn meine Mutter völlig ausser Rand und Band war, bin ich ihr und anderen gegenüber immer ehrlich geblieben. Diese Stärkung meiner Resilienz ist auch heute noch eine Superkraft, die mir erhalten geblieben ist.

Kathrin: Ich bin glücklich und auch ein bisschen stolz auf uns zwei, dass wir es trotz der Widrigkeiten geschafft haben, ein zufriedenes Leben zu führen. Ich denke, unsere Kindheit hat uns widerstandsfähig und auch etwas «weise» gemacht. Unsere Geschwisterbeziehung ist vertrauensvoll und stark, war es immer und wird es immer sein.

Hilfe für uns Kinder / Auszeiten

Für Essen und saubere Wäsche wurde gesorgt, eine Cousine wohnte bei uns und kümmerte sich als wir noch sehr jung waren und die Mutter in der Klinik war.  Emotionale Unterstützung haben wir jedoch nicht erfahren. Unsere Inseln haben wir uns selbst erschaffen.

Thomas: Ich habe viel Sport gemacht, war im Verein und mit Freunden unterwegs. Da mich niemand kontrollierte, konnte ich tun und lassen, was ich wollte. Ein Highlight waren auch die Ferien bei meinem Götti und seiner Frau, ich wollte dann jeweils gar nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Kathrin: Ich war in der Pubertät und somit in einer schwierigen Phase. Die gesamte Freizeit habe ich mit meinen engsten Freundinnen verbracht. Natürlich habe auch ich die Freiheiten genossen, jedoch fühlte es sich auch ein wenig nach Flucht an. Mit 16 ging ich dann für ein Austauschjahr in die USA. Damals nahm ich an, es ginge mir ums Englisch lernen, heute weiss ich, dass ich einfach weg von zuhause wollte.

« Emotionale Unterstützung haben wir nicht erfahren. Unsere Inseln haben wir uns selbst erschaffen. »

Loslassen, Abstand, Tod

Wir waren nun Anfang 30, das Blatt wendet sich. Unsere Eltern schafften es nicht, mit der Krankheit der Mutter umzugehen. Es hat weder Reflexion noch bewusster Umgang stattgefunden. Durch die grosse Belastung in ihrer Ehe wurde der Vater depressiv, die beiden schaukelten sich gegenseitig in ihren Krankheiten hoch.

Thomas: Ich habe meinen Job des «Mutterhändlings» aufgegeben und distanzierte mich konsequent davon. Der Kontakt zur Mutter bestand weiterhin, wenn auch meine Rolle nun eine passive war.

Kathrin: In den gesunden Phasen zwischen den Schüben schaffte ich es jeweils, eine liebevolle Beziehung mit meiner Mutter zu führen. In Krankheitsphasen distanzierte ich mich komplett.

Die Beziehung der Eltern zerbricht, beide werden getrennt alt. Der Vater stirbt. Kurz vor dem Tod unserer Mutter stellen wir ihre totale Verwahrlosung fest. Gemeinsam und mit einem Kraftakt findet eine letzte, organisierte Einweisung in eine Klinik statt. Dank medikamentöser Behandlung sind Gespräche wieder möglich geworden, es entsteht eine zarte Verbindung. Wir können Abschied nehmen. Unsere Mutter stirbt zwei Monate später.

Wie hilft man Kindern?

Thomas: Für mich war es zentral sagen zu dürfen «meine Mutter ist krank». Nicht als Stigma, sondern als Entlastung. Es gibt einen Unterschied zwischen «nicht ganz der Norm entsprechend» und krank. Diese Grenze sollte mit den Kindern bewusst diskutiert und gezogen werden, da in der Realität keine solche existiert.

Kathrin: Kinder können in einer solch schwierigen Situation nicht allein gelassen werden, sie sollten eine Person haben, der sie sich anvertrauen können. Ist diese im familiären Umfeld nicht zu finden, muss sie andernorts gesucht werden.

Es gibt wohl kein generell gültiges Rezept. Jede Situation ist einzigartig. Wichtig ist, dass sich Erwachsene, wenn nötig Hilfe holen. Von Kindern dies zu erwarten ist vermessen. Auch Freunde, Verwandte und Ärzte dürfen sich einmischen. Wir schauen weg, weil es uns angeblich nichts angeht. Nach dem Tod unserer Eltern offenbarten uns einige Bekannte ihre Gefühle, sie haben sehr wohl vieles mitbekommen und waren emotional beteiligt.

In der Rückschau ist es für uns als Geschwister interessant zu sehen, wie zum Teil unterschiedlich wir die Situation in unserer Kindheit wahrgenommen haben. Manche Erinnerungen verschwimmen, manches trägt man weiter, vieles verblasst.

« Jeder Mensch ist eine eigenständige Persönlichkeit die ernst genommen werden muss. Den Kindern auf Augenhöhe begegnen und ihnen zuhören ist der Schlüssel zu allem. »
Sie sind nicht allein

Sind auch Sie Angehörige:r oder Vertraute:r einer psychisch erkrankten Person? Wir sind für Sie da. Ob in täglichen Herausforderungen oder in Situationen der Hoffnungslosigkeit versuchen wir, Orientierung zu geben und gemeinsam Wege zu finden. Kontaktieren Sie uns.