Unlängst zeigte eine Sotomo-Studie im Auftrag von Stand By You Schweiz, dass in unserem Land jedes vierte Kind mit jemandem in der Familie aufwächst, der psychisch erkrankt ist. Obwohl diese Statistik eine hohe Betroffenheitsrate enthüllt, bleiben die meisten dieser Schicksale unsichtbar. Natasha Hunziker (25) ist eine von ihnen und möchte das Blatt wenden. Sie ist die Gründerin von Caring4YoungCarers und wurde durch die psychische Erkrankung ihrer Mutter mit acht Jahren zur jungen Angehörigen. Sie hofft, dass ihre Erfahrung einen Mehrwert für andere schaffen kann und setzt sich mit ihrer Organisation für die Anliegen und den Schutz junger Angehöriger im somatischen wie psychischen Bereich ein.
Deine Vision für junge Angehörige beinhaltet ein Netzwerk von Organisationen, die angehörige Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unterstützen. Wie stellst du dir das vor?
Es besteht bereits ein Netzwerk von Organisationen, die sich aktiv für junge Angehörige einsetzen und auch über spezifische Angebote wie Hotlines oder Peer-to-Peer-Plattformen verfügen. Im Mittelpunkt sollte stets die Frage stehen: Was brauchen junge Angehörige, was würde sie im Alltag wirkungsvoll unterstützen? Die meisten von ihnen wissen nicht, dass sie junge Angehörige sind. Das ist ein grosser Stolperstein. Denn wenn du selbst nicht weisst, dass du betroffen bist, wie sollen es dann die andern wissen? Durch Caring4YoungCarers setze ich mich dafür ein, dass diese Organisationen eine gemeinsame Strategie entwickeln.
Wer steht in der Pflicht?
Ich sehe die Verantwortung gesamtgesellschaftlich, bei all den Leuten, die mit jungen Menschen zu tun haben. Ich wünschte mir auch, dass man in den Medien mehr darüber reden könnte und dass die Politik mehr Unterstützungsangebote für junge Angehörige schafft. Wenn in der Politik über pflegende Angehörige geredet wird, dann spricht man oft von Privatspitex oder Eltern, die ein schwerkrankes oder beeinträchtigtes Kind betreuen, oder über eine Person, die eine ältere pflegt. Praktisch nie geht es aber um minderjährige Kinder oder junge Erwachsene, die einen Elternteil nicht aufgrund von Alter, sondern aufgrund von Krankheit pflegen. Wir jungen Angehörigen sind so viele. Trotzdem passiert politisch nichts, oder klar zu wenig.
« Wir jungen Angehörigen sind so viele. Trotzdem passiert politisch nichts, oder klar zu wenig. »
Die Studie von Stand by You Schweiz zu jungen Angehörigen zeigt, dass sich wenige ihrem nahen Umfeld anvertrauten. Wie war das bei Dir?
Wenn du jung bist, empfindest du es oft als völlig normal, wie du aufwächst. Auch darum, weil du nichts anderes kennst. Selbst wenn du merkst, dass zuhause etwas falsch läuft, ist das immer noch normal für dich. Ich selbst schwankte lange zwischen diesen beiden Polen. Ich merkte zwar, dass es bei mir einiges anders lief als bei anderen Kindern, aber ich konnte es nicht erklären. Weil ich so jung war, hatte ich keine Worte für meine Erfahrung. Mit acht Jahren wurde ich ‹junge Angehörige› und ich hatte damals keine Sprache, um zu erklären, was bei mir zuhause lief. Erst mit 12 begann ich, es langsam einzuordnen, habe aber auch zu diesem Zeitpunkt nur mit meinem Vater darüber geredet. Damals war es für mich undenkbar, mit jemand anderem darüber zu sprechen.
Warum?
Auch bei mir zuhause war das Schweigen darüber vorherrschend. Meine Mutter war ein sehr privater Mensch, grad deswegen wollte ich ihr diese Privatsphäre auch nicht wegnehmen. Dadurch, dass sie nicht darüber redete, fühlte ich mich selbst nicht wohl damit, mit anderen darüber zu reden. Ich hatte lange das Gefühl, dass es ausschliesslich ihre Geschichte war und nicht meine.
Wie hast du das Schweigen überwunden?
Als ich in meine Teeniejahre kam, hatte ich das Gefühl, dass ich selbst nicht darüber sprach, weil meine Mutter das nicht wollte. Sie hatte mir das zwar nie so explizit gesagt, aber es war einfach so ein Gefühl. Mir selbst war früh klar, dass sie etwas hatte. Und ich habe mich langsam herangetastet. Erst als ich 18 war, fragte ich mal, ob sie Depressionen habe und sie antwortete ehrlich mit Ja. Zuvor hatte ich anhand der Symptome versucht herauszufinden, welche Krankheit sie hatte. Durch ihre offensichtliche Mehrfachdiagnose war das natürlich schwierig. Zur gleichen Zeit getraute ich mich, mit Lehrpersonen darüber zu sprechen. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass die meine Situation nicht verstehen. Ein Ratschlag war zum Beispiel: ‹Wieso ziehen Sie denn nicht aus, wenn Sie das so sehr belastet? Sie sind ja jetzt volljährig.› Ich versuchte ihnen zu erklären, dass das nicht ging, weil ansonsten zuhause alles zusammenbrechen würde. Ich war ein wichtiges Standbein der Familie. Ohne mich ging es nicht. Das habe ich die ganze Zeit über deutlich gespürt. Zuhause waren es einfach ich, meine jüngere Schwester und mein Vater und der musste ja Vollzeit arbeiten. Und obwohl er Krasses und viel geleistet hat, musste ich sehr oft einspringen – je älter, desto mehr.
« Man muss sich selbst Sorge tragen, auf sich hören und rausfinden, was man braucht - und es dann auch in Anspruch nehmen. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse müssen ihren Raum im Alltag haben. »
Du und deine Schwester seid im gleichen Haushalt aufgewachsen. Decken sich eure Erfahrungen?
Ich bin sicherlich früher Angehörige geworden als meine Schwester, einfach auch aus dem Grund, weil sie ein Stück jünger ist als ich. Ich habe damals automatisch viel mehr Verantwortung übernommen. Ich bin als Kind in diese Rolle reingewachsen. Meine Schwester sagt von sich selbst, sie sei erst mit 14 Angehörige geworden – zum Zeitpunkt, als die körperlicher Erkrankung meiner Mutter nicht unheilbar wurde. Jeder Mensch geht anders mit solchen Situationen um, weshalb ein Vergleich schwierig ist. Ganz zu Beginn hat sich meine Carearbeit viel mehr um mich und meine Schwester gedreht und gar nicht so sehr um meine Mutter. Ich persönlich wollte meiner Schwester in der Situation möglichst nah sein. Gerade wenn es hart war, brauchte ich diese Nähe. Ich wollte da sein und ich wollte mit der Zeit auch drüber reden. Deshalb habe ich eine eigene Organisation gegründet. Meine Arbeit wurde ein Teil meiner Aufarbeitungsgeschichte. Ich hatte das Gefühl, dass ich anderen jungen Angehörigen so etwas weitergeben kann. Meine Schwester unterstützt mich dabei.
Du sprichst in einem Artikel das Unverständnis, die Einsamkeit und die Unsicherheit an, die du als junge Angehörige oft erfahren hast. Magst du ein paar Strategien teilen, mit denen du heute schwierigen Gefühlen begegnest?
Konkrete Strategien, die mir helfen, sind vor allem Sport, die Dinge aufschreiben, oder auch, mich nicht allzu sehr in Sachen zu verbeissen. Wenn du in jungen Jahren mit extrem herausfordernden Situationen konfrontiert wirst, dann lernst du gleichzeitig auch mit weniger schwierigen umzugehen. Mit meinen 25 Jahren fühle ich mich manchmal wie mit 80 (lacht), weil ich bereits Situationen erlebt habe, die andere oft erst im Alter erfahren. Vieles relativiert sich, wenn du merkst, dass nicht jedes kleine Ärgernis so schlimm ist. Und auch wenn mal nicht alles rund läuft, etwa im Studium oder in der Karriere, ist das sicher nicht das Ende. Man muss sich selbst Sorge tragen, auf sich hören und rausfinden, was man braucht – und es dann auch in Anspruch nehmen. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse müssen ihren Raum im Alltag haben. Früher habe ich mir das nicht zugestanden. Ich dachte meine Bedürfnisse seien nicht so wichtig, weil ich nicht so Schlimmes durchmachte wie meine Mutter. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass ich niemanden helfen konnte, wenn ich mir selbst keine Stütze war.
Wie hast du es geschafft deine Rolle als Angehörige in eine Ressource zu verwandeln?
So vor drei Jahren verspürte ich erstmals den Wunsch, mich bei der youngcarer-Bewegung zu engagieren. Zuerst hatte ich keinen Plan wie und wo. Ich begann, an Get-togethers zu gehen. Eineinhalb Jahre später, habe ich meine eigene Organisation gegründet. Ursprünglich kam mir der Gedanke, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass ich all diese Erfahrung für nichts gemacht hatte. Klar hatte ich für mich mehr Lebenserfahrung gesammelt, aber das musste doch auch irgendeinen Mehrwert für andere haben! Da spielte wohl auch mein natürlicher Gerechtigkeitssinn eine Rolle. Zudem haben mich schlicht die Zahlen im Bereich der somatischen und psychischen Bereich schockiert: Über zehn Prozent der Schweizerjugend sind junge Angehörige. Ich konnte es partout nicht verstehen, dass niemand etwas macht, obwohl es so viele junge Angehörige gibt.
Es war also eher aus Entsetzen, dass ich meine Angehörigenrolle schlussendlich als Ressource genutzt habe. Auch war es so offensichtlich nicht ok, was bei mir abgelaufen ist und es sollte anderen nicht ebenso ergehen. In meinem Fall haben viele weggeschaut, Menschen und Institutionen, die die Möglichkeit zur Unterstützung gehabt hätten.
Welche Ziele hast du dir für Caring4YoungCarers gesteckt?
Ich möchte die Situation für junge Angehörige in der Schweiz verändern, sie vereinfachen. Ich möchte diese jungen Menschen sichtbarer machen. Ich möchte erreichen, dass ihre Situation für Aussenstehende verständlicher wird und sie so auch schneller und gezielter Hilfe bekommen.
(Interview: Mayra Pfister)
« Ich selbst habe bis am Schluss nicht die Unterstützung bekommen, die ich gebraucht hätte. »
Sie sind nicht allein
Sind auch Sie Angehörige:r oder Vertraute:r einer psychisch erkrankten Person? Wir sind für Sie da. Ob in täglichen Herausforderungen oder in Situationen der Hoffnungslosigkeit versuchen wir, Orientierung zu geben und gemeinsam Wege zu finden. Kontaktieren Sie uns.