Guido Fluris Mutter war 17 Jahre alt, als er geboren wurde, und erkrankte an Schizophrenie. Er erlebte Armut, Fremdplatzierungen, Stigmatisierung und schwere Verluste. Später wurde er erfolgreicher Unternehmer und gründete die Guido Fluri Stiftung. Mit ihr engagiert er sich für Menschen, die Unrecht, Gewalt und Ausgrenzung erfahren haben. Teil der Stiftung ist das Unterstützungsangebot für Angehörige «Leben mit Schizophrenie». Im Gespräch erzählt er offen, wie die Erkrankung seiner Mutter sein Leben geprägt hat, warum Scham zu einem Motor seines Erfolgs wurde und weshalb die Verletzungen seiner Kindheit bis heute nicht einfach verschwunden sind.
Herr Fluri, Sie sind heute sehr erfolgreicher Unternehmer und Stiftungsgründer. Wenn Sie zurückblicken: Wie sah Ihr Leben mit 16 aus?
Ich hatte damals den Boden unter den Füssen verloren. Das hatte viel mit meiner Kindheit und den Erfahrungen mit meiner Mutter zu tun. Ich wurde bei meinen Grosseltern platziert und erlebte mehrere Schicksalsschläge: Zuerst starb mein Grossvater, dann brannte unser Haus nieder, und zwei Jahre später kam mein Onkel mit 24 Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Er war für mich eine Identifikationsfigur, meine Orientierung. Dazu kamen die Stigmatisierung als uneheliches Kind in einem Dorf mit tausend Einwohnern und die Schizophrenie-Erkrankung meiner Mutter. Irgendwann war es einfach zu viel. Als mein Onkel starb, kam ich an einen Punkt, an dem ich mich selbst nicht mehr spürte. Ich tat auch Dinge, die nicht gut waren, bemühte mich um nichts mehr und zog mich völlig zurück. Das war eine sehr schwierige Phase.
Was brachte die Wende?
Die Ausbildung zum Tankwart. Obwohl ich nicht stabil war, habe ich sie ganz knapp geschafft. Danach konnte ich mich irgendwie aufbäumen. Dieses Gefühl aus meiner Kindheit – du bist nichts wert, du kannst nichts, aus dir wird nichts – löste etwas in mir aus. Aus der Scham entstand ein enormer Antrieb. Ich ging Risiken ein, obwohl ich von Natur aus eigentlich gar kein Risikomensch bin. Mit 19 wollte ich ein Stück Land kaufen. Der eigentliche Grund war ganz einfach: Ich wollte ein Dach über dem Kopf haben. Das hatte auch mit dem Brand unseres Hauses zu tun. Mein Vormund unterstützte mich dabei. Er hatte ein Gespür für mich und meine Situation, konnte mich etwas führen und stand mir zur Seite. Das war damals meine Rettung.
« Dieses Gefühl aus meiner Kindheit – du bist nichts wert, du kannst nichts, aus dir wird nichts – löste etwas in mir aus. Aus der Scham entstand ein enormer Antrieb. »
Ihre Mutter war 17 Jahre alt, als Sie zur Welt kamen, und erkrankte an Schizophrenie. Was bedeutete ihre Erkrankung für Sie als Kind?
Als Kind mit einem Menschen unterwegs zu sein, der an Schizophrenie erkrankt ist, kann bedeuten, völlig ausgeliefert zu sein. Meine Mutter war selbst in tiefe Angst verstrickt. Ich musste früh Rollen übernehmen. Sie schickte mich jeweils los, Essen zu besorgen. Wir hatten nie Geld. Möbel und Miete wurden nicht bezahlt, wir mussten mehrmals umziehen. Sie hatte wechselnde Beziehungen. Ich war dem, was diese Krankheit mit ihr und mit unserem Leben machte, ausgeliefert.
Inwiefern?
Als Kind konnte ich das alles nicht einordnen. Ich zog mich immer mehr zurück. In der Schule hatte ich grosse Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und überhaupt etwas aufzunehmen. Ich musste ein Schuljahr wiederholen. Aber damals fragte kaum jemand: Warum verhält sich dieser Junge so? Stattdessen galt ich einfach als schwieriger Junge.
Sie gingen lange auf Distanz zu Ihrer Mutter. Erst mit etwa 30 Jahren näherten Sie sich ihr wieder an. Was brachte Sie dazu?
Zunächst war es pures Verantwortungsgefühl. Aber auch die Furcht spielte eine Rolle, geächtet zu werden, wenn ich meiner eigenen Mutter nicht helfe. Scham ist ein Turbo. Aus Scham heraus kann unglaublich viel entstehen.
Was hatten Sie gegenüber Ihrer Mutter empfunden?
Ich habe mich für meine Mutter geschämt. Und diese Scham hat mich lange begleitet. Ich hatte später grosse Schwierigkeiten, Nähe zu ihr zuzulassen. Meine Mutter spürte das. Und genau das hat mich im Nachhinein sehr belastet. Ich konnte ihr nicht das geben, was sie gebraucht hätte.
Sie sind ihr aber dennoch wieder nähergekommen.
Ja. Ich habe es später auf eine andere Weise versucht: Ich habe sie versorgt, geschaut, dass Menschen für sie da waren, alles Organisatorische geregelt. Aber wirkliche Nähe konnte ich nicht zulassen. Bis zu ihrem letzten Atemzug auf dem Sterbebett habe ich das nicht geschafft. Und ich habe mich dafür verflucht. Ich empfand es als meine eigene Unfähigkeit. Die tiefen Verletzungen in mir machten es mir unmöglich, das Negative in etwas Positives zu verwandeln. Erst als sie gestorben war, ist etwas in mir aufgebrochen. Das hat mich durchgeschüttelt.
Sie sagten einmal, Scham könne ein Treibstoff sein. War sie auch ein Motor Ihres unternehmerischen Erfolgs?
Ja. Der Druck, etwas aufzubauen und nicht mit leeren Händen dazustehen, war ein wesentlicher Grund dafür, dass ich mich wirtschaftlich so stark engagierte und hohe Risiken einging. Nicht, weil ich ein Geldmensch war oder unbedingt reich werden wollte. Aus meiner Kindheit hatte ich immer diesen Gedanken im Kopf: Du darfst nie wieder in eine Situation geraten wie damals mit deiner Mutter. Daraus entstand ein starker innerer Druck. Es ging mir nicht darum, einmal zu den reichsten Menschen in der Schweiz zu gehören. Das war nie mein Ziel. Es ging vielmehr um die Sicherheit, nie wieder in diese existenzielle Notsituation zu geraten.
Aber dieses Getriebensein hatte auch einen Preis. Mit Anfang 20 gerieten Sie selbst in eine psychische Krise.
Psychisch waren es meine Dämonen, die mich mit Anfang 20 einholten. Ich litt unter Angstzuständen und Panikattacken und wurde zum Hypochonder. Ich entwickelte regelrechte Phobien. Erst die Therapie bei einer Psychologin am Universitätsspital Zürich hat mir geholfen, gewisse Zusammenhänge zu erkennen.
« Ich verstand anfangs gar nicht, warum sich die Psychologin so sehr für meine Geschichte interessierte. Erst allmählich begann ich gewisse Zusammenhänge zu verstehen. »
War das der Moment, in dem Sie begannen, Ihre eigene Geschichte zu verstehen?
Ja. Die Psychologin war die erste, die mich nach meiner Vergangenheit fragte. Ich verstand anfangs gar nicht, warum sich die Psychologin so sehr für meine Geschichte interessierte. Erst allmählich begann ich gewisse Zusammenhänge zu verstehen. Aber ich war noch weit davon entfernt, wieder auf meine Mutter zuzugehen. Ich konnte sie nicht besuchen. Gleichzeitig machte mir meine Verwandtschaft Vorwürfe, weil ich ihr nicht zur Seite stand. Erst mit etwa 30 Jahren war ich in der Lage, wieder einen Schritt auf sie zuzugehen.
Hat der Erfolg Sie mit Ihrer Geschichte versöhnt?
Nein, das glaube ich nicht. Vieles habe ich als Getriebener gemacht, auch um zu beweisen, dass ich eben kein «Glünggi» bin. Aber aus meinen Erfahrungen und später auch aus meinen Projekten ist eine Sinnhaftigkeit entstanden, die mir sehr gutgetan hat. Sie hat mir Boden und Stabilität gegeben. Ich merkte: Ich kann tatsächlich etwas bewirken. Wenn es beispielsweise gelingt, einem Menschen, der jahrzehntelang Missbrauch erlebt hat, Anerkennung zu verschaffen, und man unmittelbar erlebt, was diese Anerkennung in diesem Menschen auslöst, dann berührt mich das. Wenn mir dieser Mensch gegenübersteht und ich ihn umarme, merke ich: Ich kann für andere auch seelisch eine Stütze sein.
« Das Gefühl, etwas bewegen zu können, gibt mir sehr viel mehr als materieller Besitz oder Status. »
Ist Ihre Stiftungsarbeit also ein Teil der Aufarbeitung Ihrer eigenen Geschichte?
Ja. Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte hat mich gestärkt. Ich kenne das Gefühl seelischer Einsamkeit. Ich kenne das Gefühl, aufgrund einer Traumatisierung nicht einfach ein freies Leben führen zu können. Deshalb kann ich vieles von dem nachvollziehen, was Betroffene und Angehörige erleben. Für mich reicht es nicht, Menschen einfach Geld zu geben oder ihnen zu sagen, dass ihnen Unrecht widerfahren ist. Sie brauchen Begleitung und Wertschätzung. Bei Menschen, die beispielsweise fürsorgerische Zwangsmassnahmen erlebt haben, habe ich gesehen, wie wichtig diese Anerkennung ist. Vielleicht erklärt das auch, warum mich Projekte interessieren und beschäftigen, bei denen es um Menschen und ihre Schicksale geht. Das Gefühl, etwas bewegen zu können, gibt mir sehr viel mehr als materieller Besitz oder Status.
Sie sagen zugleich, dass die Verletzungen Ihrer Kindheit nicht einfach verschwunden sind.
Ja, das ist so. Eine gewisse Instabilität ist geblieben. Ich bin vulnerabel. Das verschwindet nicht einfach. Es wäre eine Illusion zu glauben, irgendwann sei alles vorbei. Ein Teil davon ist immer noch in mir. Aber ich habe gelernt, meine Rettungsanker um mich herum zu setzen. In gewisser Weise habe ich mir in einer Art Eigentherapie einen Weg geschaffen, mit meiner eigenen Verwundbarkeit umzugehen. Ich muss mich heute nicht mehr für meine eigene Geschichte rechtfertigen. Ich muss nichts mehr beweisen. Indem ich Projekte und Ideen für Menschen und ihre Schicksale entwickle, stabilisiere ich auch mich selbst.
Heute wissen wir, dass viele Kinder und Jugendliche Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen sind und ein grosser Teil von ihnen keine Unterstützung erhält. Überrascht Sie, dass das noch immer möglich ist?
Nein. Ich glaube, dass heute vieles mit Überforderung zusammenhängt. Da ist die permanente Reizüberflutung, da ist der Druck auf die Familien. Finanzielle Ansprüche, Erziehung, Schule – Familien müssen enorm viel bewältigen. Viele Eltern sind am Anschlag. Und wenn das Familiensystem überfordert ist, sind Kinder schnell auf sich allein gestellt. Das gilt im Besonderen, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt. In meinem Fall zeigte sich das in einem fehlenden Selbstwertgefühl und darin, dass mir eine Identifikationsfigur fehlte. Vieles davon musste ich mir später selbst erarbeiten.
« Eine persönliche, vertrauensvolle Begleitung kann enorm viel bewirken. Sie gibt Angehörigen Halt, bevor sie selbst an ihre Grenzen kommen – und entlastet damit letztlich auch das gesamte Versorgungssystem. »
Hinzu kommt, dass in vielen Familien über die psychische Erkrankung eines Elternteils oder eines Kinds nicht gesprochen wird. Was macht dieses Schweigen mit den Kindern?
Das ist ein grosses Problem. Behörden und das professionelle Versorgungssystem kommen häufig erst dann ins Spiel, wenn die Situation bereits eskaliert oder die Not einer Familie nach aussen sichtbar geworden ist. Dabei ist die Belastung enorm, wenn ein Kind oder ein Elternteil psychisch erkrankt. Besonders schwierig wird es, wenn in einer Familie nie gelernt wurde, offen über psychische Erkrankungen, Ängste und Überforderung zu sprechen. Gerade dann bräuchte es frühzeitig Unterstützung – und nicht erst, wenn das Familiensystem an seine Grenzen gelangt. Dafür müssen mehr Ressourcen zur Verfügung stehen und jene Organisationen gestärkt werden, die Angehörige auffangen und begleiten. Denn im Kern geht es um etwas sehr Einfaches: Menschen brauchen Menschen. Kinder ebenso wie erwachsene Angehörige brauchen eine Vertrauensperson an ihrer Seite, die ihre Situation versteht, ihnen Orientierung gibt und sie verlässlich über längere Zeit begleitet. Damit eine solche Unterstützung nicht vom Zufall abhängt, braucht es tragfähige Strukturen und eine gesicherte Finanzierung – sei es durch staatliche Förderung oder über das KVG. Dafür muss auch auf politischer Ebene mehr geschehen. Wir sehen es bei unseren eigenen Projekten immer wieder: Eine persönliche, vertrauensvolle Begleitung kann enorm viel bewirken. Sie gibt Angehörigen Halt, bevor sie selbst an ihre Grenzen kommen – und entlastet damit letztlich auch das gesamte Versorgungssystem. Umso wichtiger sind Organisationen wie Stand by You Schweiz, die genau hier ansetzen und daran arbeiten, diese Lücke zu schliessen.
(Interview: Christian Pfister)
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