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Von beherzten Angehörigen, einem Hosenlupf und vielen Gründen, Danke zu sagen

Stand by You Schweiz hat am Samstag ihre Delegiertenversammlung durchgeführt. Laura Regli und Christian Pfister, das Co-Präsidium, schauen auf ein bewegtes Berichtsjahr 2025. Vieles ist der Angehörigenbewegung in der Schweiz gelungen – aber nicht alles. Im Interview betonen sie die Bedeutung der Arbeit in den Regionen und den Wunsch, neue Angehörige zu finden, die insbesondere in den Regionen mitanpacken wollen. 

Die Delegiertenversammlung von Stand by You Schweiz ist zu Ende gegangen. Wie ist Eure Gefühlslage?

LR: Bei mir überwiegt grad die grosse Freude darüber, was wir als Angehörigenbewegung in der Schweiz auch im Berichtsjahr 2025 erreicht haben. Es ist unglaublich, was unsere Kolleginnen und Kollegen in dieser Freiwilligenarbeit leisten.

CP: Auch ich bin beeindruckt und dankbar dafür, wie die Regionen den Angehörigen und Vertrauten beigestanden sind – mit Selbsthilfegruppen, Erfahrungsaustausch, Beratungen und Begleitungen sowie mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit.

Der Geschäftsbericht von Stand by You Schweiz zeigt: Auch auf der Ebene der Dachorganisation ist 2025 einiges weiterentwickelt worden. Was sind die wichtigsten Punkte?

CP: Wichtig ist alles, was wir tun. Das Kleine wie das Grosse, in den Regionen wie auf Ebene Schweiz. Aber klar, für einige Themen haben wir zusammen mit den involvierten Angehörigen überdurchschnittlich viel Herzblut, Geld und Zeit investiert. Was beispielsweise im Bereich der HelpLine Tag für Tag geleistet wird, ist schlicht grossartig. Die Nutzer:innen-Zahlen steigen kontinuierlich. Die Reaktionen und Geschichten der Angehörigen, die sich an uns wenden, sind bewegend. 2025 hat das Empowerment-Team das HelpLine Angebot weiterentwickelt, den Betrieb nachhaltig gesichert und die Freiwilligen, die an der HelpLine arbeiten, begleitet, unterstützt und mit professionell begleiteten Supervisionen für Rückhalt und Sicherheit gesorgt. Grossartig.

LR: Im Herbst 2025 haben wir nach einer mehrmonatigen Entwicklungsarbeit unsere Community Plattform lancieren können. Ein Ort, an dem sich Angehörige und Vertraute unkompliziert und anonym austauschen, Informationen finden und Solidarität erleben können. Zurzeit nutzen diese virtuelle Plattform 350 Angehörige – ohne, dass wir diese bisher gross beworben hätten. Diese Möglichkeit zum Austausch kann nur funktionieren, weil sich hier freiwillige Angehörige als Gastgeberinnen und Gastgeber (sogenannte Hosts) engagieren. Auch ihr Beitrag ist unbezahlbar.

CP: Ein Herzensprojekt sind auch die Arbeiten rund um «Schutz und Unterstützung von angehörigen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 2025 wurde hier im Stillen enorme Arbeit geleistet. So haben wir eine eigene Studie entwickelt, die aufgrund von 50 Interviews mit jungen Angehörigen, ehemaligen jungen Angehörigen, Fachleuten und Mittelpersonen, die mit jungen Menschen in Kontakt sind, erarbeitet wurde. Parallel dazu haben wir die erste repräsentative Studie zu jungen Angehörigen in Zusammenarbeit mit dem Umfrageinstitut Sotomo auf die Beine gestellt. Beide Studien waren für uns ein riesiger Hosenlupf. Aber die Publikation im März dieses Jahres hat gezeigt, dass sich unser Effort gelohnt hat.

Viele Erfolgsgeschichten auch für das Jahr 2025 – welche Ziele habt Ihr nicht erreicht, wo lief es nicht wie erhofft?

LR: Die Neuausrichtung der Angehörigenbewegung brachte im vergangenen Jahr auch in den Regionen eine frische Dynamik. Bedauerlicherweise konnte indes in den letzten drei Jahren mit der VASK Bern keine konstruktive Zusammenarbeit etabliert werden. Sowohl, was die Fragen des Umgangs miteinander und die inhaltliche wie die kulturelle Ausrichtung der Angehörigenbewegung anbelangt, sind die Differenzen gross. Als Vorstand sind wir deshalb einstimmig zum Schluss gekommen, dass sich Stand by You Schweiz von der VASK Bern trennt. Die Delegiertenversammlung hat an der DV den Antrag unterstützt und sich ebenfalls einstimmig zum Ausschluss entschieden. So traurig dieser Schritt ist – wir erachten es für beide Seiten als zielführender, getrennte Wege zu gehen. So können beide Seiten ihre Kräfte darauf konzentrieren, worum es in unserer Bewegung wirklich geht: Angehörigen und Vertrauten von Menschen mit psychischen Erkrankungen beizustehen.

CP: Zwar ist es gelungen, viele neue Angehörige fürs Mitmachen zu motivieren – doch das Thema bleibt eine Herausforderung. Denn als Freiwilligenorganisation richten sich unsere Möglichkeiten nach den Angehörigen, die sich freiwillig einbringen können. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Freiwilligenarbeit geleistet wird. Gerade jüngere Angehörige sind vielen Belastungen und Anforderungen ausgesetzt. Da ist wenig Zeit, sich in einer Milizaufgabe zu engagieren. Darum bleibt es für uns eine permanente Aufgabe, unsere vielen wichtigen Aufgaben bei Stand by You Schweiz auf mehrere Schultern verteilen und für die Regionen neue Angehörige und Vertraute finden zu können, die mitanpacken. Hierauf müssen wir weiterhin ein Augenmerk richten. Und ein weiterer Punkt: Insgesamt ist es uns nicht gelungen, für unsere Angebote und Arbeit eine nachhaltige Finanzierung zu finden. Wir sind auf Spendengelder von Stiftungen angewiesen. Und doch: Angesichts der grossen Entlastung, die Angehörige im Versorgungssystem erbringen, geben wir das Ziel einer nachhaltigeren Finanzierung nicht auf.

Im Vorstand kommt es zu Veränderungen. Wie sehen diese aus?

CP: Zum einen haben zwei Kollegen ihren Rücktritt bekanntgegeben, die für unsere Angehörigenbewegung in vielen Jahren enorm wichtige Arbeit geleistet haben: Bruno Facci und Urs Würsch. Erfreulicherweise haben sie ihr Engagement im Vorstand noch so lange verlängert, dass sie unsere Neupositionierung der letzten drei Jahre begleiten konnten. Beide waren dafür besorgt, dass die Vorgängerorganisation von Stand by You Schweiz, nämlich die VASK Schweiz, vor rund sechs Jahren, als die Organisation vor dem Aus stand, weiterexistieren konnte. Glücklich eine Organisation, die solch tolle Menschen in ihren Reihen hat. Ein riesiges Merci an Urs wie Bruno!

LR: Neu in den Vorstand kommen Birgit Wirth, die das Ressort «Politik» aufbauen wird. Und als Regionenvertreter:innen stossen im Job-Sharing Rosi und Marco Bauer von Stand by You Schaffhausen dazu. Wir durften alle drei als beherzte Angehörige kennenlernen und freuen uns riesig, sie an Board zu haben.

Was steht 2026 im Zentrum der Arbeiten von Stand by You Schweiz?

 LR: Die letzten drei Jahre haben wir viele Veränderungen und neue Angebote angestossen. Die grossen Projekte wie «HelpLine», «Community Plattform» und «Schutz und Unterstützung von angehörigen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen» sind zwar gut unterwegs, erfordern aber noch viel Arbeit. Insgesamt werden wir uns wohl vor allem darauf konzentrieren, diese Projekte weiterhin erfolgreich umzusetzen und nur punktuell neue Ideen anstossen.

CP: So oder so gibt es noch viel zu tun. Ohne Menschen, sprich Angehörige und Vertraute, die sich uns tatkräftig anschliessen, werden wir langfristig nicht erfolgreich sein können. Darum gilt auch 2026: Einfach bei uns melden.

LR / CR: Ja, dann drücken wir uns mal die Daumen.