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Eleonora Camizzi, angehörige Tochter

«Eine schöne Eigenschaft, die ich auf ungesunde Art und Weise erlernt habe»

Eleonora Camizzi hat mit ihrem Dokumentarfilm «Bilder im Kopf» viele Menschen in der Schweiz bewegt. Darin reflektiert sie die Beziehung zu ihrem an Schizophrenie erkrankten Vater. Sie brauchte grossen Mut, um über die psychische Erkrankung in ihrer Familie zu sprechen. In einem Gespräch erzählt sie davon, wie ihre Angehörigenrolle ihr Leben geprägt hat. Sie sieht Handlungsbedarf, wenn es um die Wertschätzung und Wahrnehmung der Angehörigen geht.
Maske

Welche Frage sollte man Angehörigen öfter stellen und weshalb?

Vielleicht ganz einfach ein «Wie geht es DIR? Was brauchst DU für dich?» Viele Menschen tendieren dazu, bloss in Bezug auf die betroffene Person zu fragen. Das darf natürlich sein, aber ich wünschte mir mehr Bewusstsein für die Emotionen von Angehörigen. Ich selber habe lange nicht realisiert, wie wichtig mein Empfinden im Zusammenhang mit meinem Vater ist. Ich musste älter werden, um zu begreifen, dass die Frage «Was kann ich für die andere Person tun?» sehr einseitig ist und ein ungesundes Machtverhältnis zwischen Eltern und Kind erzeugt.

Wann wurde Dir klar, dass dein Vater Phasen veränderter Wahrnehmung erlebt?

Ich denke bei dieser Frage nicht unbedingt an eine bestimmte Erinnerung…Es gab klar Situationen, die extremer waren als andere, aber die waren alles in allem gar nicht so bezeichnend. Es war eher die ständige Alarmbereitschaft und die sehr feinen Sensoren, die mich dazu nötigten, sofort zu merken, wenn es bei meinem Vater kippte. Da waren zum Beispiel Änderungen in der Stimmlage oder in seinem Blick und die Tatsache, dass ich als Kind, wenn nötig, rasch zu beruhigenden Massnahmen griff. Es galt, ja keinen Schritt zu weit zu gehen, ja keine seiner Grenzen zu überschreiten. Dieses Gefühl hat mein Körper verinnerlicht. Heute schätze ich meine hohe Sensibilität punkto Gefühlserkennung und würdige meine Fähigkeit, sensibel und empathisch zu reagieren. Das ist im Umgang mit anderen bei weitem nicht so stressig wie mit meinem Vater. Aber auch mit ihm hat es sich verändert. Ich verfalle nicht mehr wehrlos in diese Starre oder ins blosse Funktionieren, damit eine Situation nicht eskaliert. Unterdessen ist es mehr eine Zurkenntnisnahme – meine freie Entscheidung, inwiefern ich darauf eingehen will oder eben nicht. Ich glaube, es ist eine schöne Eigenschaft, die ich auf ungesunde Art und Weise erlernt habe.

Hast du auf deinem Weg die richtige Unterstützung erhalten bzw. gefunden?

Ich habe zum Glück eine Mutter, die mit gesunder Distanz versucht hat, das alles aufzufangen. Sie hat es nie verteufelt und hat versucht mit uns darüber zu sprechen. Aber durch die Trennung meiner Eltern war ihr Wissen auch begrenzt, bzw. war es meiner Ansicht nach auch nicht ihre Aufgabe. Mit meinem Vater und der restlichen Familie hingegen herrschte eine miserable Kommunikationskultur. Es wurde und wird viel geredet und auch emotional diskutiert, ging es ums Eingemachte herrschte jedoch eine grosse Lücke. Genau da sehe ich auch am meisten Handlungsbedarf in unserer Gesellschaft. Über Probleme sprechen und von klein auf eine solide Bildung darin zu erhalten. Dass mein Vater zum Beispiel nicht darüber reden konnte, war die grösste Verletzung. Denn als Kind weisst du genau, etwas ist nicht in Ordnung. Ich bin dankbar, hatte mein Vater nun den Mut sich meinen Fragen zu stellen. Heute können wir beide viel eher akzeptieren, dass es Ambivalenzen gibt und geben darf und konnten beide unsere Bringschuld ablegen. Denn nur weil du etwas nicht gut machst, heisst das nicht, du bist ein schlechter Mensch. Ebenso wenig bist du automatisch ein guter Mensch, nur weil du etwas gut machst. Wir sind Menschen – haben gute und schlechte Eigenschaften. Wichtig scheint mir, darüber zu reflektieren und offen und ehrlich zu kommunizieren, anstatt andauernd zu behaupten, man habe alles im Griff. Wir alle brauchen irgendwo, irgendwann mal Hilfe und es ist so wertvoll, danach fragen zu können und sie anzunehmen, wenn sie einem angeboten wird.

Wie haben sich die psychischen Herausforderungen deines Vaters auf dein Familienverständnis ausgewirkt?

Einem klassisch tradierten Familienverständnis stehe ich kritisch gegenüber. Da bin ich sicher auch geprägt durch meine Geschichte – es ist halt ein sehr zerbrechliches Konstrukt… Ich bin in Olten in einem Familienquartier mit Einfamilienhäusern aufgewachsen, alle kannten sich – wir waren umgeben von ‹perfekten› Familien (lacht) und waren immer die Komischen. Das heisst aber nicht, dass ich keine schöne Kindheit hatte. Trotz meiner Zweifel bezüglich dem gängigen Familienkonzept ist mir Gemeinschaft sehr wichtig. Sie kann in meinen Augen viel tragen und auffangen, aber nur, wenn Probleme an- & ausgesprochen werden.

Hattest du je Angst selbst zu erkranken?

Ja, eine Riesenangst! Ich hatte das Glück, dass ich mich meiner Mutter anvertrauen konnte. Sie hat sich bereits sehr früh für diese Themen interessiert und hatte keine Berührungsängste. Ich bin so froh, wusste sie bereits damals, dass diese Krankheit zwar ein Stück weit genetisch übertragen werden kann, dass aber viele weitere Faktoren mitspielten, bevor es zu einer Manifestierung komt. Es sei ausschlaggebend, was du im Leben erlebt hast, ob du Liebe erfahren durftest, wie grosse Traumata du erfahren hast und wie sehr du aufgefangen wurdest. Sie konnte mir das alles in einer Zeit übermitteln, in der das keineswegs selbstverständlich war. Ich verspürte dann auch immer mehr das starke Bedürfnis mit meinem Papa darüber zu reden, ihn zu fragen, wie sich „die Krankheit“ anfühlt und was man da machen konnte. Ich erinnere mich an ein Weihnachten, das ich mit ihm allein verbrachte und mich traute, ihn direkt zu fragen, was denn in so einer Kranheitsphase mit ihm passiere. Darauf erzählte er mir von den fünf Charakteren, die in seinem Innern wohnen und beschrieb diesen Umstand mit dem Begriff ‹multiphren›. Wenn es um wichtige Fragen in seinem Leben ginge, dann kämen diese Anteile am runden Wohnzimmertisch zusammen, um zu diskutieren und sich gemeinsam zu einigen. Das klang zunächst beängstigend. Er erklärte mir weiter, dass einer davon die Vaterrolle innehatte, und der Stärkste unter ihnen war.

Was hat das in Dir ausgelöst?

In diesem Moment realisierte ich, dass ich keine Angst vor meinem Vater zu haben brauchte. Ich glaube das war ein extrem wichtiger Moment und ich frage mich, was wäre gewesen, wenn er mir das schon als Kind erzählt hätte? Hätte ich ihm geglaubt? Hätte ich weniger Angst gehabt? Aber ich will jetzt nicht zu sehr in den „Was wäre wenn..“ Strudel eintauchen… Viel wichtiger ist mir, zu betonen, wie wichtig es für mich war, dass es überhaupt je zu diesem Gespräch kam. Ein Gespräch, dass meiner Meinung nach wohl die Basis war, für all die weiteren Gespräche, die auch dazu geführt haben, dass ich nicht nur die Angst, sondern auch die Scham hinter mir lassen konnte.

Kannst du uns ein paar deiner Bewältigungsstrategien verraten?

Es klingt so banal und ist zugleich unfassbar schwierig: die Dinge an- und auszusprechen. Ich hatte das Glück, dass mein Vater bereit war, mir zuzuhören und sich meinen Fragen zu stellen. Auf viele meiner Fragen, habe ich aber keine klaren Antworten bekommen. Trotzdem hat es gutgetan, sie laut auszusprechen und an meinen Vater zu adressieren. Nicht alle Angehörige haben das Glück, dass die ihnen nahestehende Betroffene Person offen für Gespräche ist. Da finde ich es enorm wichtig zu sagen, dass es keiner Diagnose bedarf, um in die Gesprächstherapie zu gehen! Im Grunde geht es darum als Angehörige auch Bedürfnisse haben zu dürfen und Raum für sich einzunehmen. Ich glaube, die Gesprächstherapie kann sehr hilfreich sein dabei und kreiert in sich bereits einen Raum, wo es nur um die eigenen Bedürfnisse gehen darf.

Was tut Dir sonst noch gut?

Zwischenmenschliche Interaktionen. Da tanke ich auf. Und in erster Linie lieb zu mir selber sein. Sich immer mal wieder in Erinnerung zu rufen, was man gut gemacht hat und wofür man dankbar ist. Und das, obwohl der Modus vom ‹Was man alles noch könnte und sollte› sehr präsent ist. Was ich mir auch grad zu Herzen nehme ist die Demut. Demütig sein im Sinne von ‹Krass darf ich in einem Land wie der Schweiz leben, darf ich das machen, was ich mache und danke habe ich mit meiner Familie so viel Klärung erreicht›. Es braucht gar nicht immer noch mehr und noch besser, sondern vor allem sich unmittelbar und verletzlich zu zeigen. Man sollte kein Bild von sich selbst aufrechterhalten müssen, sondern einfach sagen können, wenn einen etwas überfordert, oder man keine Ahnung hat, wie etwas funktioniert. Mit dieser Art von Kommunikation ist so viel möglich: Man kann voneinander profitieren, Wissen teilen und Mut machen.

Wie hat sich der Film und deine Aufarbeitung auf die Beziehung mit deiner Mutter ausgewirkt?

Diesen Punkt hatte ich total unterschätzt. Meine Mutter war von Beginn weg unglaublich unterstützend. Und dann kam der Film und der Erfolg und mein Vater war natürlich überall mit dabei. Weil es ein Film über mein Papa war, wurde er automatisch überall mitgedacht – sie ging dabei vergessen. Das hat klar zu Verletzungen geführt. Es war nicht so, dass ich sie nicht dabeihaben wollte, oder dass sich die beiden nicht easy im selben Raum aufhalten konnten. Es ging auch nicht um den Film per se, sondern mehr um das Ringsum. Da mussten meine Mama und ich schon ein paar Mal über die Bücher. Wir haben zum Glück eine so solide Basis, dass wir beide sehr ehrlich miteinander umgehen können und dieses Ungleichgewicht somit schnell wieder ausgleichen konnten.

Wie könnte deiner Meinung nach die gesellschaftliche Relevanz von Angehörigen gestärkt werden?

Zum Beispiel mit Initiativen wie Stand By You. Ich bin ich davon überzeugt, dass es hilft, ein Grundwissen und den adäquaten Wortschatz zu haben, um die Dinge besser einzuordnen. Mir persönlich hat die Erkenntnis ‹Ich bin nicht allein› enorm geholfen. Sehr lange habe ich mit niemandem darüber gesprochen und als ich begann, mich mit meinem Papa auseinanderzusetzen und den Mut fasste, mich auch darüber hinaus auszutauschen, merkte ich: Alle kennen irgendjemanden, der von psychischen Krisenerfahrungen betroffen ist. Ich bin der Ansicht, dass die Isolation von Angehörigen und Betroffenen nur bekämpft werden kann, indem man darüber redet. Wenn ich überlege, was für mich persönlich ein cooler Beitrag sein könnte, um mich für Angehörige zu engagieren, dann denke ich dabei zum Beispiel an Aufklärung in Schulen.

Mittlerweile ist einige Zeit seit dem Dreh zu ‹Bilder im Kopf› vergangen – wo stehen du und dein Vater heute?

Zusammengefasst? An einem sehr schönen Punkt. Ich hab nicht mehr das Gefühl, irgendetwas zu müssen oder dass ich mich nicht offen zeigen darf, nur damit mein Vater sich wohlfühlt. Ich habe gelernt, ihm direkt ins Gesicht zu sagen, wenn mich etwas stört. Es ist sehr berührend zu sehen, wie mein Vater gelernt hat, sich zu verbalisieren. Er braucht keine Ersatzhandlungen mehr zu betreiben, um auf sich aufmerksam zu machen und kann einfach sagen, dass er sich grad Aufmerksamkeit von mir wünscht. Es ist dann bei mir, ob ich sie ihm geben mag oder nicht. Dafür bin ich dankbar. Während dem Filmdreh und der damit verbundenen Aufarbeitung waren wir natürlich ständig miteinander unterwegs. Auch danach tourten wir hierhin und dorthin und verbrachten viel Zeit zusammen. Vielleicht deshalb auch die Frage: Was jetzt? Ehrlich gesagt scheint es mir spannend, gemeinsam rauszufinden, wie unsere Verbindung auch nach dem Filmrummel aussieht. Wir sind super im einfach Sein und zusammen reden, trotzdem wünsche ich mir, auch aktiv Sachen mit ihm zu erleben. Neulich hat er mich sogar gefragt, ob ich ihn nach Sizilien begleiten wolle. Meine Antwort? «Ich chumme scho.» (lacht)

Interview: Mayra Pfister

HIer finden Sie den Film "Bilder im Kopf"
Sie sind nicht allein

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