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Lemke Kristina, angehörige Mutter

«Ich bin unbequem und du schämst dich für mich»

Kristina Lemke schreibt in einem Zwiegespräch mit ihrem Sohn über einen Klinikaufenthalt, der sie als angehörige Mutter mit dem Unaussprechlichen konfrontiert. Mit grosser Wucht und Eindringlichkeit findet sie Worte für die Wut, die Sorge, das Schweigen und die Hilf- und Machtlosigkeit, die viele Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen kennen. Ein mutiger, sehr persönlicher, ein wichtiger Text.
Maske

Noch einmal ein gestohlener Sommer, noch einmal stiehlt sich die Liebe davon. Dabei wäre es dein Sommer gewesen, deine Chance, einen ersten Kuss am See zu erbeuten. Aber du liegst hinter Panzerglas. Bei denen, die schon lange ohne Sommer auskommen müssen. Noch einmal kann ich dir dorthin nicht folgen. In die Dunkelheit: ja. In das Gefühl der Auflösung: ja. Aber du siehst Dinge, die ich nicht sehe. Du denkst, du könntest alle Passagiere eines Busses mit deiner Traurigkeit anstecken. Du siehst tote Kinder am Boden liegen. Du denkst es erst, dann spürst du es. Ich lege meinen Körper um den deinen. Du erkennst mich. Ich muss dir versprechen, stark zu sein, während deiner Zeit ohne Sommer. Ich verspreche es, wenn ich unbeobachtet bin, esse ich Spaghetti mit den Händen und lasse meine ölverschmierten Finger in meine Bluse gleiten.

« Der Diagnoseregen schlägt mir unvermittelt ins Gesicht. »

Der Mond heult mich an. Am nächsten Morgen streiche ich die Kleider glatt und laufe weiter. Von dort aus, von dort aus von wo aus wir nicht mehr wussten, wohin wir laufen sollten. Der Diagnoseregen schlägt mir unvermittelt ins Gesicht. Immerhin wird manchmal das Wort Verdacht vorangestellt. Wenn ich dich in der Burg besuche, muss ich warten, bis mir jemand Einlass gewährt. Die Tür, an der geschlossen steht, öffnet immer ein anderes Gesicht, das mich den Gang entlangschickt. Mit einer Spur aus Blaubeeren locke ich dich unter den Mammutbaum. Dort können wir der Burg den Rücken zukehren und in die Weinberge blicken, über denen die Hitze flimmert.

« Ich bin der Wächter deiner Angst. Ich muss das Aussen verhandeln, während du drinnen bist. »

«Schwimmen auf keinen Fall!», heisst es. Aber ich verfolge einen anderen Plan, den ich den Experten nicht verrate. Wir tauchen ein. Du stehst unter Generalverdacht, also lasse ich dich nicht aus den Augen. Einen Moment die stille Schwere des Sommers. Einen Moment nur ohne Angst. Ich bin es nicht. Ich bin der Wächter deiner Angst. Ich muss das Aussen verhandeln, während du drinnen bist. Ich schwitze und wühle in der Erde. Zwischen den Rosen und Lavendelbüschen finde ich Frieden. Ich lasse Jonas Vingegaard die Tour de France für uns gewinnen. Wenigstens ein verdienter Sieg in diesem Sommer und wahrscheinlich auch nicht ohne Drogen. Die Instrumente der Ärzte sind Worte. Mit beiden Händen greifen sie in die Setzkästen. Manchmal werfen sie uns die Worte direkt ins Gesicht. Es sind schwere Worte, lange Worte. Worte, die dir und mir Angst machen. Mit der Zeit bleiben sie an uns kleben. Auch der Papierstapel mit Worten wächst. Ich versuche, eine Schneise durch die Worte zu schlagen. Ich versuche, die Sitzerei mit den vielen Worten zu verkürzen. Ich bin unbequem und du schämst dich für mich.

In der Burg hört man Schreie. Medikamente kann man auch an Schlafanzüge verabreichen. Hoodies und Pyjamahosen, der Look der Burg. Duschen und Zähneputzen musst du nicht mehr. Das fällt niemandem in der Burg weiter auf. Wenn ich komme, musst du duschen und Zähneputzen. Ich beziehe dein Bett frisch. Ich bin dir unendlich peinlich.

« Mein Blick sucht den deinen. Du kannst ihn nicht halten. »

Ich laufe durch die Gänge, die Wulste an zarten Mädchenarmen sind rostrot und sehen aus wie die aufgeplatzte Haut einer Cervelat. Ich sehe Verbände an schmalen Handgelenken, dort, wo es nicht mehr weh tut. Hinter den Verbänden leuchtet eine klare Absicht. Die Polizei ist häufig zu Gast, sie laden aus und wieder ein. Sie sind viele. Wenn du du auseinanderfällst, gehst du in ein Zimmer aus Nichts. Nur eine Matratze liegt dort. Und du.

Der Baum vor dem Panzerglas schickt Kraft. Mein Blick sucht den deinen. Du kannst ihn nicht halten. Dabei ist dein schönes Gehirn, es ist ein schönes Gehirn, das weiss ich, doch schon damit beschäftigt 70 % seiner Synapsen zu kappen und neue Verknüpfungen herzustellen. Welche Pfade wird es aus den Ereignissen der letzten Monate spuren? Das ist die Sorge der Ärzte mit den vielen Worten. Meine auch, aber ich sage es dir nicht. Sie schon und ich will ihnen den Mund zukleben. Dein Körper explodiert, Haare spriessen, die Produktion deiner Talgdrüsen fährt hoch, Hormone durchfluten deinen Körper. Alle sind im Ausnahmezustand. Dein Körper und dein schönes Gehirn. Reicht das nicht? Reicht das nicht schon?

Ich ziehe die Bühnenbilder der Wortärzte von der Bühne. Ich trage einen Overall mit vielen Taschen, in die ich mein Werkzeug stopfe. Ein Fussball, deine Badehose, Mohrlavendelöl, Mint-Schokoladeeis, Tomaten und Gurken, so viel der Sommer hergibt.

Sie sind nicht allein

Sind auch Sie Angehörige:r oder Vertraute:r einer psychisch erkrankten Person? Wir sind für Sie da. Ob in täglichen Herausforderungen oder in Situationen der Hoffnungslosigkeit versuchen wir, Orientierung zu geben und gemeinsam Wege zu finden. Kontaktieren Sie uns.