«In der Mitmenschlichkeit steckt so viel Potential»
Gibt es eine Szene in «I love you, I leave you», die dich besonders berührt?
Das letzte Mal ganz geschaut habe ich den Film am Zürich Filmfestival im letzten Herbst und kürzlich eine Szene, als ich bei einem Screening zu früh rein bin – das hat mich umgehauen. Der Film geht mir immer noch sehr nahe, deshalb drücke ich ihn noch ein wenig weg. Ich bin gespannt, wie er auf mich wirkt, wenn ich ihn vielleicht in einem Jahr mit mehr Distanz nochmals schaue. Es ist speziell, dass der Film mich immer noch derart berührt, obwohl ich so viel und lange dafür gearbeitet habe. Es bewegen mich vor allem die Szenen, in denen Dino und ich wieder in unserer Freundschaft zusammenfinden.
Dein bester Freund lebt mit der Diagnose einer bipolaren Erkrankung. Ist er deshalb in deinem Empfinden krank?
Hmmm, nein. Das «Diagnoseding» scheint mir sehr kompliziert. Ich bin ehrlich gesagt selber auch unsicher, wie man richtig damit umgehen sollte. Oft hilft es den Angehörigen und auch den Betroffenen, Dinge benennen zu können. Es scheint mir aber schwierig, schlicht einen Katalog zu akzeptieren, der jemanden einer Kategorie zuordnet und ihm so etwas langfristig anhaftet. Dinge verändern und entwickeln sich. Grad deshalb finde ich diese Diagnose-Labels nicht so cool. Dino wurde schon mit den unterschiedlichsten Diagnosen und deren Wechselwirkungen konfrontiert. Verstünden die Fachleute da was mit Sicherheit, wäre der Befund wohl nicht schon fünfmal anders ausgefallen. Klar habe auch ich recherchiert und mich mit Krankheitsbildern auseinandergesetzt, um einen Umgang damit zu finden. Aber es ging mir in «I love you, I leave you» nie darum, auf diese Weise zu benennen, was «es» eigentlich ist.
Du hast Dino schon mehrmals in psychischen Krisenerfahrungen begleitet. Hat sich über die Jahre etwas an deinem Umgang damit verändert?
Ja, auf jeden Fall! Meine Haltung hat sich seit der gefilmten Krise sehr verändert. Vor allem, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr die Person sein kann und sein möchte, die sich derart involviert, die Entscheidungen treffen muss oder eben nicht. Ich bin dabei rauszufinden, wie meine Rolle in einer künftigen Krise meines Freundes für mich aussehen könnte.
Was sind deine Überlegungen?
Nach dem Film bin ich in Dinos Umfeld als «Experte» abgestempelt worden. Diese Rolle macht mir Angst. In den Krisen habe ich sehr viel mit den Menschen um ihn rum telefoniert und sie informiert oder beruhigt. Die Betreuungsarbeit rund um Dino war manchmal kleiner, als die mit seinem Umfeld (lacht). Es gibt einen Punkt, da merken Angehörige oder ich als Vertrauter, dass es wieder losgeht. Dann fühlt es sich oft wie ein unaufhaltbarer Zug an. Ich kann mitgehen, unterstützen, schauen, dass nicht alles zusammenbricht. Allerdings auf die Gefahr hin, mich komplett zu verausgaben, selber in den Sog zu geraten und einen gewissen Teil der Realität zu verlieren. Für mich geht es darum, in diesen Momenten klarer zu spüren, wie weit ich gehen will und was ich effektiv machen kann, um zu zeigen: Wenn du mich brauchst, bin ich da, aber ich möchte nicht mehr dauernd in Notfallsituationen gefangen sein und im Gefühl, ich müsse ihn irgendwie retten.
Wie von dir angesprochen: Im Film erlebt man dich im Umgang mit Dino geduldig und empathisch. Gab es auch Momente, in denen du Angst hattest oder die Kontrolle verlorst?
Im Auge des Sturms habe ich die Kontrolle nie verloren. Ich glaube, ich habe da eine natürliche Klarheit. Und irgendwann merkst du auch, dass jede Situation vorbeigeht. Man kann im Moment einfach für den anderen da sein und das ist schon viel. Oft macht eine Ablenkungsstrategie einen Unterschied. Schon das Zimmer zu wechseln oder ein Geräusch einzudämmen, können helfen. Wer jedoch das erste Mal mit einem Menschen im Raum ist, der eine Psychose durchlebt, dann ist das eine Komplettüberforderung. Das stellt auch deine eigene Psyche in Frage. Denn wenn dein Gegenüber den Verstand so komplett verlieren kann, könnte das auch dir passieren.
Wo bist du an deine Grenzen gestossen?
Für mich war eher schwierig, Dino während seiner Krise in verschiedenen Situationen gehen zu lassen, mich später mit ihm zu verabreden und dann beim Verlassen der Wohnung plötzlich körperlich zu merken, wie absolut am Anschlag ich eigentlich bin. Das war schon krass. Man kann so tief in die Lage verwickelt sein, sich so dermassen abschalten, dass man gar nicht mehr mitkriegt, wo man selber steht. In diesen intensivsten Wochen gab es deshalb auch für mich einen Moment, in dem meine Ressourcen maximal aufgebraucht waren. Ich musste mich zurückziehen. Glücklicherweise war es für mich und Dino selten ein Problem, eine Grenze zu kommunizieren. Er wandte sich dann einfach der nächsten Person zu (lacht) – so à la «Guet, ich lahn dich jetzt in Rueh».
Siehst du parallel auch eine Entwicklung von Dino in Bezug auf seine psychischen Krisen?
Ja, mega. Bei Dino ist viel Selbstreflexion dazu gekommen und das ist als Betroffener eine Chance: Du wirst psychoseerfahrener und lernst gleichzeitig, dich selber mehr zu spüren. Diesen Herbst gab es zudem eine Premiere, als er selber gemerkt hat, in welchem Zustand er war, von sich aus zur Psychiaterin ging und eine kleine Medidosis genommen hat. Die Phase war zwar trotzdem wild, aber er konnte sie im Nachhinein auffangen. Eine Zwangseinweisung konnte so abgewendet werden. Das war für mich als bester Freund, aber auch für ihn, ein wunderbarer Erfolg. Wir haben danach auch wiederholt über seine Eigenverantwortung gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn in diesen Situationen nicht mehr die ganze Zeit beobachten wolle, und mich auch nicht ständig fragen möchte, wie es ihm wohl geht. Ich sei da, wenn er mich brauche, aber die Verantwortung und die Initiative liege bei ihm.
Die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen steigt. Was müsste man als Gesellschaft machen, damit Betroffene nicht ausgegrenzt werden?
Ich glaube zutiefst an Netzwerke, an Mitmenschen und daran, dass Gemeinschaft ein wichtiger Schlüssel für Veränderung ist. Meiner Meinung nach müssten im Öffentlichen mehr Begegnungsräume entstehen. Bei den Screenings von «I love you – I leave you» hat es mich zum Beispiel immer wieder gefreut, wenn ich Menschen traf, die den Film gar nicht unbedingt aus persönlicher Betroffenheit geschaut haben, sondern auf diese Weise ganz unerwartet eine Konfrontation mit anderen Lebensrealitäten erlebten. Das ist ein Publikum, das mich sehr interessiert, deshalb frage ich mich immer wieder, wie man es schafft, solche Leute zu sensibilisieren, ohne per se pädagogische Inhalte zu vermitteln. In der Mitmenschlichkeit steckt so viel Potential. Wenn diese Haltung und Einsicht auf den Gesundheitsbereich übergriffen, wäre das grossartig. Zum Glück gibt auch es in der psychiatrischen Versorgung wunderbare Menschen, die sich viele Gedanken über die gängigen Konzepte machen und dabei sind, das Ganze von innen heraus zu transformieren.
Warum ist das wichtig?
Die Leute sollten begreifen, dass ein solides Netzwerk grundsätzlich jedem zugutekommt. Selbst dann, wenn du im Moment vielleicht keine Hillfe brauchst und auch nicht in der Betroffenensituation bist. Inklusion ist auf vielen Ebenen anspruchsvoll, aber ich beobachte immer wieder Situationen, in denen die Gemeinschaft sich kümmert: Letzthin ist mir eine junge Person aufgefallen, die offensichtlich in einer Krisensituation steckte und im Quartier rumrandalierte. Solche Eskalationsmomente sind herausfordernd. Es war spannend zu sehen, wie die Menschen vor Ort damit umgingen, ohne als ersten Schritt die Polizei einzuschalten und sie verhaften zu lassen.
Wie sieht so ein Begegnungsraum aus deinem eigenen Fundus aus?
In Graubünden veranstalteten wir unlängst eine Aufführung, an der zufällig zwei Nachbarinnen teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr die eine von der Erkrankung des Sohnes der anderen. Und es wurde in diesem Rahmen offen darüber gesprochen. Das war sehr bewegend. Meiner Meinung nach sind Räume, in denen solch ein Austausch stattfindet, genau die Orte, in denen Veränderung entstehen kann. Räume, in denen man mitbekommt, wo das Gegenüber grad steht.
Was sind deiner Meinung nach Belastungen, die sich für eine Beziehung ergeben, wenn eine Person wiederholt in psychische Not gerät?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich denke, dass die Erfahrungen, die man sammelt, Vor- und Nachteile haben. Manchmal leitet man daraus das Gefühl ab, dass eine Riesenkatastrophe geschehen kann. Manchmal wird man jedoch auch vom gegenteiligen Gefühl der Zuversicht erfüllt. Beides beinhaltet ein gewisses Vorurteil. Zudem sind wir Menschen unglaublich gut darin, Dinge heraufzubeschwören, die noch nicht geschehen sind und gemeinsam auf eine Art selbsterfüllende Prophezeiung zuzusteuern. Auch ich kenne Gedankengänge wie: Ok, jetzt stehen wir hier, also sind wir in drei Wochen da. Solche Annahmen müssen in meinen Augen immer wieder überprüft werden, denn oft herrscht ja schon die Einteilung in die «kranke» Person und das «gesunde» Gegenüber. Diese Dynamik musste auch ich für mich durchbrechen. Gerade in Familien und Freundschaften, die per se stark vorgeprägt sind, lohnt es sich, diese Muster immer wieder zu überdenken.
Interview: Mayra Pfister
Hier können Sie den eindrücklichen Film streamen: cinu.ch und cinefile.ch
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